ruckspiel.com Facebook

10.06.16

OS 2651

11.06.16

Eine der letzteren Seiten

12.06.16

Albert und Albert jr.

13.06.16

Karpfen-Gulasch



14.06.16

Das mit dem auswärts Scheissen ist ja immer so eine Sache

15.06.16

Ich glaube

16.06.16

Nicht beim Fußball

17.06.16

Zweite Halbzeit ist immer anders wie die erste Halbzeit



18.06.16

Dass man bei uns auf die Jagd geht, ist nichts Ungewöhnliches

19.06.16

Hose rutscht

21.06.16

Der Brief

22.06.16

Die Kasteiung



23.06.16

Kopfknall

24.06.16

Die Sandkörner

25.06.16

-

26.06.16

Die Kasnudel-Prohibition



27.06.16

Die Nummer

28.06.16

Ein Granada mit 45 Kisten

29.06.16

Der Fuchs und die Gans

30.06.16

Three Lions, baby!



01.07.16

Warum ich kein Facebook habe

02.07.16

Hinterher

03.07.16

Fußstapfen, so groß wie der Stiefel

04.07.16

Der Adlerhof ist kein Surfcamp



05.07.16

Schütze Läuft Ohne Widerrede

06.07.16

Die Freude kommt vom Tun

07.07.16

Zwei Fragen über den Fußball

08.07.16

Eine Antwort



09.07.16

Kein Hochstand in Hongkong

10.07.16

Das zitternde Glas

11.07.16

Ein Wunschtraum im Juli 2016

12.07.16

Am Eingang



Am Eingang

hinti31

WERTE GÄSTE

WIR HABEN WEGEN KRANKHEIT VORÜBERGEHEND GESCHLOSSEN
DANKE FÜR IHR VERSTÄNDNIS

AUF EIN WIEDERSEHEN FREUT SICH
IHR
STEFAN GICZI

 

Ein Wunschtraum im Juli 2016

hinti30

Wenn man Ronaldo einmal erlebt hat, schreckt einen nichts mehr. Jetzt ist er, der wie eine Dampflokomotive über mich drübergefahren ist, auch noch Europameister. Was will einer wie er, einer, der alles erreicht hat, überhaupt noch erreichen? Diese Frage beschäftigt mich nicht. Was mich heute und eigentlich seit 30 Tagen, seit dem Tag, als mir der ältere Herr am Flughafenklo das Buch geschenkt hat, beschäftigt, sind Herr Stefan und sein Adlerhof.

Mit jeder Seite, die ich in “Unter den Stutzen” lese, verstärkt sich der Wunsch, dort hinzufahren. Was tun, wenn sich ein Wunsch so sehr in einem festsetzt, dass er einfach nicht mehr weggehen will? Der Wunsch, dort, zum Adlerhof hinzufahren, sitzt tief, tief und fest in mir fest. Er macht einen Sitzstreik, wie man ihn sonst nur von Aktivisten auf Demos kennt. Einen Sitzstreik in mir. Was ich tun soll, bleibt die Frage. Weglaufen, ignorieren, oder nachgehen, hingehen? Angenommen, ich fahre morgen nach Wien, was habe ich dem Mann überhaupt zu sagen? Was sagt man einem, den man nie gesehen, von dem man nur gelesen hat? – So ähnlich geht es wohl vielen, die mich zum ersten Mal treffen. Meinen sogenannten Fans. Wenn ich in meinem Leben bis dato Fan von einem Menschen war, dann hatte dieser Mensch eigentlich immer etwas mit Fußball zu tun. So ist es auch mit “Herr Stefan”, auch wenn er kein aktiver Fußballer ist, sondern ein sich im Ruhestand befindlicher, ehemaliger Amateurfußballer. Ein Fußballer, der zum Wirten wurde. Meistens denkt man immer nur an den ersten Satz, den man einem Menschen sagen wird, den man schon bald zum ersten Mal sieht, nie denkt man an den zweiten. Es ist der erste Satz, und damit der erste Eindruck, der zählt. So denkt man zumindest. Dieser bedeutungsschwangere erste Satz. Vielleicht sollte man einfach nur das sagen, was augenscheinlich ist: Grüß Gott, oder: Hallo, oder: Grüß Sie. Vielleicht ist aber ein Gespräch zum Thema: Käsekrainerlangos das genau ideale erste Gesprächsthema für zwei Menschen, die sich nie gesehen haben, dementsprechend auch nichts zu sagen haben. Ja, ich werde morgen hinfahren, zum Adlerhof hinfahren und wenn ich dort bin, werde ich nicht nach Kasnudeln oder Bier, sondern unkonventionellerweise nach Käsekrainerlangos fragen. Würden mehr Menschen bei ihrer ersten Begegnung über Käsekrainerlangos sprechen, würden weniger erste Gespräche schon nach wenigen Worten zu toten Gesprächen verkommen. Das tote Gespräch ist das Gegenteil vom lebendigen Gespräch. Es ist keine Frage von Leben und Tod, ob ich morgen dort hinfahre, aber eine Fragen von Leben, wie man es will, oder Leben, weil man sich nicht traut. Ich weiß, dass ich morgen dort hinfahren werde, mehr noch: dort hinfahren muss. Ja, ich fahre morgen mit dem Auto nach Wien, zum Adlerhof und das Erste, wonach ich fragen werde, wonach ich den Wirten, den Wirten mit dem Namen “Herr Stefan”, fragen werde, wird die Frage nach der Verfügbarkeit von Käsekrainerlangos sein. Ich habe noch nie Käsekrainerlangos gegessen, aber ich habe wohl auch nie so etwas verrücktes getan, wie nach Wien zu fahren, um einer wildfremden Person: Hallo, oder: Grüß Gott, oder: Grüß Sie zu sagen. Deshalb kann ich, wenn ich schon zu dieser für mich völlig atypischen Maßnahme greife, auch zum Gesprächsthema: Käsekrainerlangos greifen. Heute war ich nicht in Paris, wie ich es mir erträumt hätte, deshalb werde ich morgen nach Wien, zum Adlerhof fahren, um mir zumindest diesen einen Wunschtraum im Juli 2016 erfüllen zu können:
Burggasse 51, 1070 Wien

 

Das zitternde Glas

Hinti_Illu-Draft

Ich sitze am Sessel und beobachte meinen wippenden Fuß. Es ist ein bis vor kurzem von mir unbemerkt gebliebenes Wippen. Erst jetzt, als ich das mit Wasser gefüllte Glas auf der Tischplatte bemerke, merke ich auch, dass ich mit dem Fuß wippe. Wasser, das zittert, sieht nervös aus, denke ich. Ist der Hinteregger jetzt völlig verrückt geworden, denkst du. Ich sitze da und beobachte meinen Fuß und schreibe auf, was ich alles so beobachte, während ich meinen Fuß, genauer noch, meinen linken Fuß beim Wippen beobachte. Monatelang habt ihr uns, eurer Nationalmannschaft, auf die Beine geschaut. Euphorie wie schon lange nicht: bei euch, im gleichen Ausmaß Nervosität: bei uns. Die Nervosität, die wir uns lange Zeit nicht eingestehen wollten, war es, die uns letztschlussendlich aus dem Turnier geschmissen hat.

Morgen ist Finale, das Spiel, auf das alles hinarbeitet, hindeckt, hinfokusiert. Und ich sitze da und beobachte weiterhin nur meinen linken Fuß. Nichts anderes.
(Es ist egal, worüber ich schreibe, die Menschen werden es ohnehin lesen. Nicht, weil es so gut ist, sondern weil ich prominent bin. So ist für die Anzahl der Leser weit weniger ausschlaggebend, was inhaltlich geschrieben wird, als die Person, die als Verfasser angeführt wird. Deshalb haben auch Nicht-Journalisten, wie Prohaska, Schinkels oder Konsel ihre eigenen Kolumnen, in denen so einiges drin steht, aber selten etwas gesagt wird. Trotzdem: Mich freut’s extrem, dass du hier bist und meine Texte liest. Begründungen, warum Dinge so und nicht anders sind, sind ohnehin langweilig. So,… wo waren wir? Die Europameisterschaft, also weiter:)

Es ist schon merkwürdig, wie schnell das scheinbar Wichtigste im Leben, das den ganzen Platz im Kopf, beinahe den ganzen Kopf für sich beansprucht hat, zur kleinen Randerscheinung wurde. Wochenlang, monatelang gab’s nur EM, EM, EM in unseren Hirnstuben. “Aus den Augen, aus dem Sinn.” “Die Zeit heilt alle Wunden.” Das Leben hält viele dieser Sprüche für genau diese, desperaten Situationen parat. Selbsthilfesprüche. Das Gegenteil von: “No time for losers!” Die EM ist komplett in die Hose gegangen, aber sie tut nicht mehr weh, sie ist zu einer Erinnerung geworden, von der man einmal liebevoll erzählen wird, wie Herr Stefan von seiner verstorbenen Hündin Lady. Das morgige Finale und überhaupt die gesamte EM ist mir mittlerweile genauso wichtig und unwichtig wie die Frage, welche Unterhose ich morgen anziehen werde. Der Fuß wippt weiter und ich denke, denke ich. Meistens an die Vergangenheit und meistens an die Zukunft, selten nur an den wippenden Fuß, während der Fuß wippt. Wo siehst du dich in 5 Jahren? Im Urlaub.

 

Kein Hochstand in Hongkong

hinti28

Ich weiß, mit dem Jagen hab ich ein Hobby, das viele von euch von Grund auf ablehnen. Entweder du bist dafür oder du bist dagegen. Es gibt nur das Ja oder das Nein, das Pro oder das Contra, das machen oder eben nicht machen.

Für mich ist das Jagen das ideale Kontrastprogramm zum Irrsinn: Profi-Fußball. Auf 2000 Meter aufsteigen, dort einen schönen Platz zum Rasten suchen und einfach mal an gar nichts denken. Darum geht’s mir: Dass man in der Natur zur Ruhe kommt. Die Stille draußen führt zur Stille drin, im Kopf. Menschen, die nie jagen waren, glauben, beim Jagen geht’s vor allem um das Laute, das Buff: den Schuss. Menschen, die jagen, oder zumindest mir, als jemand, der von sich selbst sagen kann, dass er ein Jäger, wie man bei uns sagt: ein Jaga, ist, geht es aber vor allem um das genau Gegenüberliegende: das Leise.

Bis der Entschluss zum Schuss, folglich auch das Reh oder der Bock fällt, vergehen Stunden, oft Tage, in denen nichts passiert. Nichts knallendes, nichts ohrenbetäubendes, nur das gehörgangstreichelnde Rauschen der Blätter, das Dok-Dok-Dok des Kuckucks und das Holz am Hochstand, dem man beim Arbeiten zuhört, während man selbst ruht.

Wäre ich nicht in Sirnitz, aber in Hongkong großgeworden, wäre ich kein Jaga. Die Umgebung, die Ortschaft, die Menschen machen aus dem nackten Kind ein Kind mit Vorlieben und Hobbys. Die Ärztin und das Arztkind, der Musiker und die Musikertochter oder der Fußballer und der Fußballersohn. Vieles passiert einfach, fliegt einem zu oder von einem weg. Scheinbare Zufälle, die dem Leben seine Wendungen geben. Ein Lied im Radio wird zum Lieblingslied. Ein Bub im Kindergarten zum besten Freund. Und eine fremde Frau auf der Straße zur Ehefrau. Es passiert einem und es passiert einen; diese Möglichkeiten, die täglich vor uns auftauchen und mal mehr, mal weniger aufreizend zu tanzen beginnen; was uns bleibt, ist die Wahl, entweder hingreifen, ausprobieren oder wegdrehen, abwenden. Das Leben stellt Angebote, wir entscheiden, welche wir annehmen, und welchen wir ohne Unterschrift “baba!” sagen. Herr Stefan schreibt dazu:
“Ich wollte eigentlich kein Gasthaus, aber irgendwie hat mich das fasziniert.”

 

Eine Antwort

hinti-27-3
In den Banlieues der inneren Empfindung
Das Stadion heißt Stade und Vélodrome
Marseille, der 7. Juli 2016 und 23 Uhr
Hinter jeder Mauer steht ein Tor
In den paar Jahren, die Leben heißen

Deutschlands große Niederlagen
Enke, Deisler, Halbfinale
Es ist ja nur ein Spiel und
Zwei, die nicht mehr –
mitspielen

Der Fußball kann nie alles sein
Doch ohne ihn ist alles nichts
Love is not the answer
The answer is: to love
hat das bekiffte Kipferl mal gesagt

 

Zwei Fragen über den Fußball

hinti-26-web

Was ich am Fußball nicht mag:

Wenn der Ball in die Brennesseln fliegt. Die Trauma Salbe auf den Eiern. Diagonalsprints bei 30 Grad. Das Zirkeltraining. Überhaupt Training. Die Musik von Marko Arnautovic. Fotografen und Reporter. Und die nächste deppate Frage. Den Glamour. Das Wort „Glamour“. Krawatte binden bei Auswärtsflügen. Das Auslaufen. Das Dehnen. Das Schwitzen. Auf der Bank sitzen. Intervallläufe. Alle Läufe. Die Möglichkeit eines Eigentors. Die Möglichkeit von zwei. Risse, Brüche, Zerrungen. Mentaltrainer. Minusgrade. Ernährungspläne und Laktattests. Neonfarbene Stöppler, Kristall-Ohrstecker und Wettbüros. Alles davor, alles danach, alles dazwischen.


Was ich am Fußball mag:

Den Fußball.

 

Die Freude kommt vom Tun

hinti-25

Es hilft nix. Heute ein Eigentor im Testspiel geschossen, ich kann’s nicht mehr ändern, es hilft nix. Deshalb ewig zu hadern: hilft nix. Überhaupt versuche ich, nichts unnötig in die Länge zu zerdenken. Vom Tun kommt die Freude, nicht vom Denken.
Wer immer nur denkt, der tut nicht. Ein Hinteregger tut. Ich mach das bestimmt nicht perfekt, ich mach es, so gut ich kann, so gut ich’s eben hinbekomm. Den Fußball, das Schreiben, das alles. Es hilft nix, nix zu tun. Zu sagen, es hilft nix, hilft mir, mich und mein Leben nicht ernster zu nehmen als es ist. Denn das hilft nix.
“Just do it” klingt besser als “Tu’s einfach”. Und “Es hilft nix” klingt um Welten besser als “Just do it”. Vielleicht sollte man Nike vorschlagen, ob sie ihren Leitsatz nicht ändern wollen in: Nike. Es hilft nix.

 

Schütze Läuft Ohne Widerrede

hinti_30

Buben, die im Park Fußball spielen. Vier Pullover als Torstangen. Zweimal ein Messi, einmal ein Lewandowski und ein namenloser im Österreich-Dress. Er, der größte, gleichzeitig der dickste von allen. Schütze Läuft Ohne Widerrede. SLOW.

 

Der Adlerhof ist kein Surfcamp

hinti_29-1

Dass ich einmal ein Buch spannender finde als ein Fußballmatch. Nach dem Island – Frankreich schon nach 45 Minuten entschieden war: abgedreht und aufgeklappt. Ein Auszug aus Unter den Stutzen:

 Wien, 18. Februar 2003

Betrachtungen eines Gastes

Der Eingang des Adlerhofs erinnert an ein altes Eisenbahner Café. Die Tapete, die die Gaststube einhüllt, ist vom Rauch von Millionen von Zigaretten, die hier ihr Leben ließen, gezeichnet. Neben der Schank rastet eine alte Vitrine, in der einst mit Schinken, Käse und Mayonnaise belegte Brote hinter Glas – wie Prostituierte in Amsterdam – ihre Dienste anboten. Die Brote sind gewichen, nunmehr stehen mit Staub belegte Pokale in ihr. Pokale, bei denen niemand genau weiß, wer sie gewonnen hat, und wofür. Die Holztische und Holzsessel, auf denen im Lokal gesessen und gelehnt wird, sind aus der Zeit gefallen. Wie überhaupt der Ort in seiner Gesamtheit, also der ganze Adlerhof, mehr wie ein Relikt aus vergangenen Tagen, als ein mit der Zeit gehendes Gasthaus, zu sein scheint. Die großen Uhrzeiger stehen, die vermaledeiten Zeitschriften liegen, die Poster hängen, still, ohne sich fortzubewegen; alles aufeinander und übereinander und untereinander geschichtet. Das Gesamtgewicht all dieser, über die Jahre angehäufter Besitztümer ist unabschätzbar. Ob dieses Unmaß an Besitztümern nicht zu einem einzigen, trägen Besitzungetüm mutierte? Der Adlerhof ist sich selbst zu schwer geworden. Möglicherweise ist es gerade das, was die Menschen hierher, hier hereinzieht. Die Sehnsucht nach Beständigkeit. Das schönere Wort für Stillstand. Hier gibt es keine Aussicht auf eine wechselnde Karte, keine Tagesangebote und kein Craft Bier of the week, das aus Weingläsern getrunken werden muss. Stattdessen: Schnaitl. Und gleichwohl es ohnehin eben nur Schnaitl Bier, und keine andere Biermarke gibt, bestellen trotz alledem, oder gerade deshalb, viele der Gäste, wenn sie ein Bier bestellen, nicht “ein Bier”, sondern “ein Schnaitl”. Alternativlos glücklich. Ein Bekenntnis zur Kontinuität.

Sind die ersten Schnaitl-Flaschen geleert, erwartet einen der leicht beissende Geruch am Klo. Sicher kein Prachtort, dieses geflieste flatrate Pissoir, aber ein weiterer, kleiner, sympathischer Fehler, der den Adlerhof zu dem macht, wer er ist.
Die Gaststube ist ein einziges Raritäten-Kabinett. An den Wänden tummeln sich unzähilge gerahmte Mannschaften aus vergangenen Jahrzehnten. Unterstützt werden sie von seltenen Fahnen, Wimpeln und Schals. Es sind aber vor allem die Mannschaftsphotos, die Mannschaftsphotos von Rapid, Sportklub oder Bayern, die das Bild der Gaststube prägen. Man sitzt hier und man wird eigentlich permanent von einigen der weltbesten, zumindest in Österreich besten Spielern ihrer Zeit begutachtet. Die Teams hängen ab ca. zwei Metern Höhe aufwärts. Von dort aus blicken Didi Kühbauer oder Oliver Kahn mit freundlicher Miene nach unten auf die Tische. Und wir, die Gäste, prosten in Gedanken dankend zurück. Wer im Adlerhof sitzt, sitzt immer auch unter den Spielern, immer auch unter den Stutzen.

Wirft man einen Blick auf die Fassade, so zeigen sich kathedralartige Fenster, die mit wuchtigen Vorhängen verdunkelt sind. Helles, natürliches Tageslicht wartet vor der Tür vergeblich darauf, hereingebeten zu werden. Der Adlerhof ist kein Ort der vordergründigen, hellen Fröhlichkeit. Hier sucht man vergeblich nach der Form von Spaß, wie er in Discotheken oder Surfcamps angeboten wird; der Adlerhof ist mehr etwas zum Sitzen, zum Aussitzen und Ausharren. Nur hie und da, oft nach Stunden, in denen zig Zigaretten geraucht wurden, aber ansonsten nichts passiert ist, wird man von einem Gefühl der – wie Otto Baric sagen würde – maximalen Freude übermannt. Von einer Freude, die nicht zwangsläufig etwas mit Spaß zu tun hat, eine Freude, die still, die ganz still sein kann. Die Menschen des Adlerhofs leben keine klassischen, sogenannten glücklichen Leben; es sind Menschen, die von Wertschätzung und Erkenntnis, von Zufall und Verbundenheit leben. Ihnen scheint es mehr um einzelne Momente, als um ein lebenslanges Glück zu gehen.

 

Fußstapfen, so groß wie der Stiefel

hinti_28

“Machen wir eine Party? Überhaupt nicht. Ich halte nichts davon.” So steht es in “Unter den Stutzen” und so haben auch wir es gemacht. Keine Party, nur ein Grillen. Unter Freunden, unter alten Freunden, wie man sagt, obwohl wir alle miteinander noch keine 30 sind. Alle, die hier waren, kennen mich. Sagen sie. Die einen, die mich kennen, seit ich krabbeln kann, neben jenen, die mich kennen, seit ich gehen kann, neben jenen, die mich kennen, seit ich mir einen runterholen kann, neben jenen, die mich kennen, seit ich autofahren kann, neben jenen, die mich nur aus dem Fernsehen kennen.

Die einen haben übers Tennisspielen gesprochen, während die anderen vom Ballett, vom Schlagzeugspielen, Reiten oder vom Klavierspielen erzählten. Doch, wenn sie von diesen, ihren Lebensinhalten, mehr noch Lebenspassionen sprachen, so sprachen sie meist in der Vergangenheit. “Ich habe früher Ballet gemacht.” “Als Kind war ich oft reiten.” “Wir hatten eine Band, haben jede Woche mindestens zweimal geprobt.” Und so weiter, in einem fort. Sie alle haben ihre Lebensabschnittspassionen, sei es mit 5, mit 10 oder mit 15 Jahren, einmal geliebt. Doch irgendwann, aus welchen Gründen auch immer, haben sie angefangen, damit aufzuhören. Es hat eh jeder seine Geschichte, und die kennt eh jeder immer nur selbst. Was bin ich froh, dass meine immer noch die ist: Mit 23 mach ich am liebsten, was ich auch mit 3 am liebsten gemacht hab: Draufhauen auf den Ball.

Der Tag des Grillens ist auch der Tag, an dem Deutschland gegen Italien gespielt hat. Das Viertelfinale im Stade de Bordeaux, wir in Golling vorm Fernseher. Als die Grillkohle längst verglüht, die Koteletts gegessen und die erste Geschirrspülladung eingeräumt war, wurde immer noch gespielt. Tormänner sind viel einsamer als wir, dachte ich, als das Elferschießen grade begonnen hatte. Auf der einen Seite Neuer, der 30jährige, blauäugige, dreifache Welttorhüter, auf der anderen Seite Buffon, der 38jährige, blauäugige, viermalige Welttorhüter. Die Fußstapfen, die Buffon einmal hinterlassen wird, werden die größten sein. Richtig große Stiefel werden das, italienische handmade Landkarten-Stiefel, dachte ich weiter. Während sich nach Schlusspfiff die ersten Mittrinker und Mitesser auf den Weg Richtung nach Hause machten, passte Italiens ansonsten so aufgezuckerter Trainer, Conte, seine Mimik seiner Kleidung an: schwarzes Jackett, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte. Und grande Buffon heulte beim Interview überhaupt gleich Rotz und Wasser und Enttäuschung. No Campione, no Pirlo, no Party! Nur ein Grillen.

 

Hinterher

hinti_26_web

Wenns nur ein Tag wär, aber es ist viel mehr. Mir vorgenommen, dieses Tagebuch als tägliches EM-Tagebuch zu führen, stattdessen Ablenkung aus allen Ecken. Dadurch Verzögerung, Verspätung, verfickt! Immer hintennach. Immer hinten. Immer Hinteregger Martin. In echt geht halt alles oft langsamer als auf der Playstation. “Leben 2016” weit schwerer als “Fifa 2016”.
Hier Leistungslevel auswählen:

Amateur: Schriftsteller
Halb-Profi: bei Fifa
Profi: Fußballer
Weltklasse: im Bett
Legende: als Jäger

“Man muss mit einfachen Mitteln arbeiten, wenn man schwierige nicht beherrscht.” – Wolfgang Herrndorf (bekannt als Autor, weniger als Maler & Fußballer). Dankbar sein, für das, was da ist; das Leben umarmen, das nichtgegebene Tor gegen Ungarn und auch den gescheiterten Auslands-Transfer umarmen. Alles gut. Alles wird. Alles wird für irgendwas gut sein, hinterher.

 

 

Warum ich kein Facebook habe

hinti_11_web

Status quo: Salzburg: Man kann Stiegen entweder nach oben oder nach unten gehen.

Jetzt, seit ich dieses Tagebuch ins Internet stelle, bin ich ja quasi auch sowas wie ein Blogger. Obwohl ich Blogger und ihre Welt und überhaupt alles mit sozialen Medien Zusammenhängende immer verneint habe. Diese Welt, in der alles immer glatt und gut zu sein hat. Die Diktatur des Like, das gezwungen Gelungene, die Inszenierung der Perfektion. Erfolgreiche und/oder schöne Menschen, die schöne Photos von schönen Dingen posten. Dazu Kategorien mit den Bezeichnungen “Lifestyle”, “Beauty”, “Food” und “Fitness”. Man sollte sie alle einsperren. Nicht Nippel sollten Online verboten werden, sondern die Kategorien “Beauty”, “Food”, “Fitness” und ganz besonders und vor allen anderen: “Lifestyle”. Ich kann mir richtig vorstellen, wie eine sympathische, liebe Frau vom perfekt inszenierten Instagram/Facebook-Profil einer Bloggerin eingeschüchtert wird. Sie liket es zwar, aber es ist mehr so eine Art Soft-Stockholm-Syndrom-Like. Sie verbringt extrem viel Zeit auf der Seite der Bloggerin, anstatt selbst ihr Leben zu leben. Sie findet es toll, wie die Bloggerin alles “handmade” und “selfmade” und überhaupt alles toll “made” macht. Sie will folglich so sein wie die Bloggerin, ist aber, bei näherer Betrachtung im Spiegel, nicht annähernd so. Was zur Folge hat, dass sie sich eine Double-Toffee Milkatafel reinstopft. Und dann noch eine. Dann ist sie kurz traurig, findet sich fett und schaut wieder auf Facebook zu den Smoothies und den veganen Hautcremes. Ich fürchte tatsächlich, diese Bloggerinnen haben schon vielen ihr angenehm, normales Leben zerstört, nur weiß das kaum jemand. Sollten meine Texte ähnliches auslösen: Bitte melden, ich hör sofort damit auf!

Die Ablehnung dieser Welt führt dazu, dass ich selbst kein Facebook habe. Kein Facebook-Profil für den Menschen Martin Hinteregger und kein Facebook-Profil für den Fußballspieler Martin Hinteregger. Zumindest kein von mir, von Martin Hinteregger Official, betriebenes Facebook-Profil. Ja, es gibt eine Facebook-Fanseite von mir, allerdings wird diese nicht von mir, sondern von mir Unbekannten betrieben. Das Virtuelle ist nicht meins. Ich bin mehr fürs Analoge. Fürs Essen ohne Photo. Den Jubel ohne Video. Das Tor ohne Torkamera. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll, dass der Fuchs sein Handy in der Hand hält, während er Englischer Meister wird und ich weiß nicht, wie ich das finden soll, dass der Alaba gleich beim Ankommen in Frankreich unser Quartier filmt. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Ich bin kein Selfie-Mensch, kein Selfie-Stick-Mensch und auch kein Ich-Mach-Ein-Photo-Von-Meinem-Frühstück-Und-Überleg-Mir-Während-Ich-Es-Esse-die-Passenden-Hashtags-Dazu-Mensch. So einer bin ich nicht. So einer will ich nie werden.

Warum ich dann diese Geschichten hier Online stelle, obwohl ich gegenüber allem, was nach Blog riecht, kritisch bin, frage ich mich und du dich vielleicht auch?!
Ein bisschen ist es wie bei Usain Bolt. Der wird seine 100 Meter im Training, wo ihm nur die Ameisen zusehen, nie so schnell und fokussiert laufen, wie in einem vollen Stadion mit tausenden Fans im Rücken und mit Millionen Zusehern daheim vor dem Bildschirm. Ein bisschen so, nur, dass ich Millionen Leser von Millionen Lesern entfernt bin. Wenn niemand sieht, was man tut, ist es auf Dauer schwer, sich zu motivieren. Zumindest mir fällt es schwer. Aber ich bin auch sicher nicht einer, der gern trainiert.

In Salzburg ist das Stadion meistens nie voll. Bei uns muss schon der Gegner auch passen. Wenn Juve kommt, kommen die Zuschauer, wenn Ried kommt, kommt keiner. Das hab ich nie verstanden: Wenn jemand Salzburg-Fan ist, dann sollte er doch wegen Salzburg kommen, nicht wegen des Gegners, oder?

Wie viele Tische in Herrn Stefans Adlerhof an einem Abend belegt waren, war von mehreren Faktoren – wie dem Wetter, dem Wochentag oder dem Spieltag – abhängig. Manchmal war das Lokal voll, öfter war es leer, wie er in “Unter den Stutzen” schreibt. In den Adlerhof kamen die verschiedensten Menschen. Die Schachspieler aus dem Schachclub kamen zum Schachspielen, die Schulklasse aus Braunschweig kam einmal jährlich zur Schullandwoche, die Geburtstagsfeiernden kamen wegen des Geburtstagskindes und die Dates kamen wegen des frisch geduschten Gegenübers. Studenten, Trankler, Intellektuelle, Arbeitslose, Workoholics, Verheiratete, Alleingebliebene, Rapidler, Austrianer, sogar Sportklub-Anhänger, alle waren sie da. So fremd sie sich teilweise auch waren, Herr Stefan war ihr gemeinsamer Nenner. Wenn man sich sonst nichts zu sagen hatte, dann sagte man sich zumindest, dass der Adlerhof ein guter Ort, der Herr Stefan ein toller Wirt sei. Die Menschen gehen nur selten des Ortes wegen an einen Ort. Die Kirchengeher gehen in die Kirche, weil sie nach der Messe tratschen können, die Fußballfans gehen ins Fußballstadion, weil sie dort ihre Fußballfreunde treffen (oder, wie oft warst du schon allein im Stadion?) und die Supermarktgeher gehen in den Supermarkt, weil der näher ist, als der andere Supermarkt. Tatsächlich hatte der Adlerhof einige wenige Stammkunden, die keinen anderen Grund hatten in den Adlerhof zu gehen, als den Adlerhof selbst. In den letzten Jahren, so schreibt er, waren es vor allem jene Stammkunden, die den Betrieb am Leben gehalten haben. Und wenn es an einem seltenen Abend mal wieder richtig voll wurde im Gasthaus, jauchzte Herr Stefan nostalgisch frohlockend: „Heute war es so wie früher, sehr schön! Ho Ho Ho!” Übrigens, die Facebook-Seite vom Adlerhof hat 139 Likes. Hoffentlich wird mir ewig wurscht sein, wie viele meine hat.

 

Three Lions, baby!

hinti_24_5_webMächtige Staubwolken erheben sich, als Simba allein und nur auf sich selbst zurückgeworfen am Rand der Schlucht steht und die Gnu-Herde trampelnd auf ihn zusteuert. Die Hoffnung, dass die herannahenden Viecher nicht nur an der Felswand, auch an ihm vorüberziehen könnten, wird wie Mufasa, der Simba rettet, zertrampelt. Daran muss ich denken, als ich von meinem Fensterplatz aus hinaus aus dem in die Jahre gekommenen Abteil des ÖBB Regionalzugs blicke. Wüsste ich nicht, dass der Zug derjenige ist, der hier in rasender Geschwindigkeit unterwegs ist, könnte man meinen, die Welt da draußen ist es. Dem Zug, in dem alles so beschaulich und ruhig scheint, glaubt man nicht, dass er jenseits der 100 km/h Marke vorangurkt. Ein Porsche muss her, dachte ich noch mit 19, nicht mehr mit 23, denke ich jetzt. Ich fahre mit der Eisenbahn, nicht mit einem Porsche, weil ich das Eisenbahnfahren mag. Von allen Ausprägungsarten des Drinnenseins, kommt das Zugfahren, das ja auch ein Drinnensein bedeutet, dem Draußensein am nächsten. Das Draußensein hab ich immer schon als das meinige betrachtet, nicht das Drinnensein. Wenn man, wie ich, am Gras, in der Wiese, der Steppe, dem Wald, dem Rasen, in einem Wort: der Natur groß wird, dann ist jeder Ort, der nicht draußen ist: Ausland. In einer Großstadt, in Gladbach, Wien oder London zu leben, heißt immer auch drinnen, im Ausland zu leben. Ich kann in der schönsten Wohnung, in der schönsten Stadt der Welt wohnen, aber ich werde dort drinnen, weder in der Wohnung noch in der Stadt, niemals je daheim sein können. Deshalb hab ich auch das Haus, das ich gebaut habe, nicht in Salzburg drinnen gebaut, sondern in meiner Heimat draußen, in Sirnitz. Ein sogenannter fester Wohnsitz, in dem jetzt meine Schwester und ihre Familie lebt. Mein Wohnsitz wird, solange ich spiele, nie ein fester sein. Immer ein wackeliger Wohnsitz, ein sich bewegender Wohnsitz bleiben. Wie man in einer Karriere nie wissen kann, wo man überall noch wohnen wird, oder welche Gegenspieler einem noch gegenüberstehen werden, so weiß man ebenso wenig, wer einem in diesem Leben im Zug noch alles gegenübersitzen wird.

In dem Abteil, in dem ich jetzt alleine bin, saß bis vor wenigen Minuten noch ein einziger Mann schräg vis-à-vis von mir. – Ähnlich wie das Wort „kurz“ tatsächlich kurz ist, ist auch die Formulierung “vis-à-vis”, mit seinen beiden gegenüberstehenden “vis”, optisch genau das, was sie inhaltlich meint. Im Gegensatz dazu ist das Wort lang alles andere als lang, beispielsweise. Und Scheisse stinkt nicht. – Der Mann also, der mir bis vor einigen Augenblicken noch gegenüber saß, packte sein in Alufolie eingewickeltes Weissbrot aus und bot mir ein Stück an. Wissen Sie, sagte er, in Indien, wo ich ursprünglich herkomme, teilen wir, wenn wir essen. Und außerdem haben Sie mir mit dem Match gegen Island einen großen Abend beschert, so er weiter. Der ca. 40-jährige nahm eine Eintrittskarte aus seinem Portemonnaie und hielt sie wie einen Fahrschein in mein Gesicht:

Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße
Von Peter Handke
Burgtheater, 22. Juni 2016, 19:00 Uhr
Der Tag, an dem wir gegen Island spielten. Nie wird man das Burgtheater je wieder so leer erleben, schon schon gar nicht bei einer Handke-Vorstellung, unmöglich bei einer von Peymann inszenierten Handke-Vorführung, sagte er. Es war eine Einmaligkeit. Eigentlich hätte es ein historischer Abend für Sie, für Österreichs Fußball werden sollen, tatsächlich wurde es aber ein historischer Abend für mich, für das Burgtheater, fügte er schmatzend hinzu. Bei einer Europameisterschaft verwandeln sich die Menschen, sogar jene Menschen, die ansonsten kaum etwas für den Fußball übrig haben, zu Fußballmenschen. Alles transformiert sich. Die Musiker, die vielleicht hie und da ins Theater gehen, würden an einem Abend wie dem 22. Juni nie ins Theater gehen. Selbiges gilt für die Mechaniker, die Postler, die Lehrer und für beinahe alle andern Neigungs- und Berufsgruppen auch. Nur die Theater-Mohikaner, also die letzten übriggebliebenen, in Wien lebenden Theatermenschen haben es an diesem Abend vorgezogen auf die Bühne, nicht in den Fernsehen zu schauen. Es war ein Abend, an dem ohnehin alle öffentlichen Säle, außer jener zu Public Viewing Sälen umfunktionierten Säle, leere Säle waren. Die Kinos, die Schwimmhallen, die Tanzschulen. Alles menschenleer. Es ist der Erfolgsfall, der die Menschen zu den einen Dingen treibt, umgekehrt von den anderen vertreibt. Nur die wenigsten bleiben auch im Falle des Misserfolges treu. Denken Sie daran, sagte er, auch bei Rapid gab es eine Zeit, vor 15, 16 Jahren in etwa, da waren keine 4000 Menschen auf den Spielen. Es lief nicht. Jetzt, wo es läuft, wo das neue Stadion kommt, kommen alle. Ähnlich wie ein Mensch sich immer von Erfolgsmenschen, nicht von Misserfolgsmenschen angezogen fühlt, fühlt sich ein Mensch auch von Erfolgsmannschaften und Erfolgstheaterstücken angezogen. Nur ganz wenige verschreiben sich einer Sache oder einem Menschen für ihr Leben. Dieser Abend, ich sags Ihnen, fuhr er nach einer kurzen Gedankenpause fort. Das beinahe gänzlich leere Burgtheater, im ersten Moment traurig und verlassen, im zweiten die wunderbarste und ehrlichste Form, in der ich das Burgtheater je gesehen habe. Auf der Bühne fantastisch agierende Schauspieler, auf den roten Sitzpolstermöbeln: wir, die Übriggebliebenen. Wo es normalerweise zwischen den Sitzreihen vereinzelt freie Sitze gibt, gab es an diesem Abend zwischen den freien Sitzen vereinzelt Menschen. Es waren die wenigsten Menschen im Publikum, und doch war das Klatschen das intensivste. Tatsächlich war es ein von der Intensität des Klatschens verabschiedeter Abend. Eine Intensität, die nicht nach Quantität fragte. Während zeitgleich beim Public Viewing am Rathausplatz nur noch die vom Ergebnis enttäuschten Eventbesucher, die sich selbst auch Fans nennen, ihr Resignationsbier tranken, hallte gegenüber des Rathausplatzes, also im Burgtheater, der Applaus. Der Applaus war nicht nur ein Applaus für das Stück, es war ein Applaus für das ergebnisunabhängige Theater. Für das Theater an sich. Wir, die wir am Balkon, in den Manegen, im Parterre, den Logen, den Festlogen und den Stehplätzen waren, applaudierten den Schauspielern aber auch einander, uns, den letzten Theatermenschen. Die es auch an einem für Österreichs Fußball einmaligen Tag vorziehen, einen Happen Theater anstelle des Massenauflaufs zu genießen. Verstehen sie mich nicht falsch, ich liebe den Fußball, vor allem den englischen Fußball liebe ich, aber die Liebe zum Theater ist ihr zumindest ebenbürtig. Meine Verehrung für diese beiden Künste, die mir immer gleichermaßen heilig waren, verlangt von mir, täglich dem einen Ja, dem anderen Nein zu sagen. Jedes Ja für das Theater, ist ein Nein zum Fußball, und umgekehrt. Wenn man sich, wie ich, immerzu fragt: Fußball oder Theater, Theater oder Fußball, wird man zum personifizierten „Oder“. Ein Leben lang dazwischen. Während der Mann unaufhörlich weiter monologisierte, blickte ich wieder aus dem sauberen Fenster. Menschen, die nur eines lieben, nichts anderes. Nur eine einzige Sache. Diese Menschen sind beneidens- und bemitleidenswert zugleich, sagte er. Fanaten sind das, Getriebene! Kennen Sie Oscar Werner?, fragte er nun als würde es um die Champions League gehen. Oscar Werner war, stellen Sie sich vor, er war wie Paul Gascoigne, nur dass er kein Fußballer war, sondern Schauspieler. Einerseits begabter als alle anderen, dadurch aber auch von einer unerfüllbaren äußeren und inneren Erwartungshaltung verfolgt, die ihn und auch Gascoigne irgendwann in die Einbahn: Alkohol lenkten. Wenn Oscar Werner und “Gazza”, mit Verlaub, nur ein bisschen was von Ihrer Abgebrühtheit und Bodenständigkeit gehabt hätten… Das ist schon beachtlich, Herr Hinteregger, wie Sie das machen, mit Ihren jungen Jahren. Endlich machte er wieder einen ambitionierten Bissen von seinem, der Optik nach zu urteilen, in die Tage gekommenen Brot. Ohne etwas sagen zu müssen, verstand er schließlich meinen um Stille bittenden Blick.
Erst als der Mann, der sich mir namentlich bis zuletzt nicht vorstellte, aufstand, um am Radstädter Bahnhof auszusteigen, meldete ich mich doch noch zu Wort: Wissen Sie, gibt es König der Löwen auch als Theaterstück? Nein, sagte er, nur als Musical. Aber schauen Sie sich lieber den Hamlet an, da geht es auch um einen König;  obwohl, so gut, wie ihn Oscar Werner gespielt hat, wird ihn keiner mehr hinkriegen. Mit einem Fuss schon im Durchgang, mit dem anderen noch im Abteil, fragte er mich im Gegenzug: Kennen Sie das Tor von Paul Gascoigne in Wembley 96 gegen Schottland? N-e-i-n? Dann schauen Sie sich das an! Keinen König der Löwen, keinen Hamlet: Three Lions, baby!

 

 

Der Fuchs und die Gans

hinti_23_web“Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her…” In unserem Fall ist es ja umgekehrt: Die Gans hat den Fuchs gestohlen. Keine blöde Gans, nein, die Frau vom Fuchs ist eine gscheite. Akademikerin, wohnt in Manhattan, hat dort ihre Firma und nett ist sie auch, was ich weiß. Aber wäre sie, die Gans, nicht, wäre der Fuchs wohl auch nicht vom Team zurückgetreten. Diese hin und her Reiserei, New York – Leicester, Leicester – New York, Leicester – Wien, Wien – Leicester, dazu die Auswärtsspiele der kommenden WM-Quali, das ist auf Dauer halt auch nichts, sagt der Fuchs. Dazu kommt noch, dass er nächstes Jahr Champions League spielen wird. Noch mehr Flugzeug also. Da versteh ich ihn schon, da kann ich mir die zweite Zeile: “…sonst wird sie (in dem Fall: ihn) der Jäger holen mit dem Schießgewehr” auch sparen. Füchse haben ohnehin momentan “Schonzeit” bei uns im Revier, wie es in der Jägersprache heißt, und Gänse sind bei uns kein Thema. Wie momentan leider auch ein Jagdhund für mich kein Thema ist. Freu mich schon auf die Zeit nach dem Fußball, wenn die Ortssicherheit für einen Jagdhund da ist. Vorher ist das utopisch. Angenommen, der Klopp ruft doch noch an, dann müsste ich weg aus Salzburg, hin nach Liverpool. Und ob ein Jagdhund in Liverpool happy wird, das weiß ich nicht, dazu kenn ich Liverpool auch zu wenig. Eigentlich gar nicht. Herr Stefan hatte eine 80 Kilo Dogge namens Lady in seinem Lokal, dem Adlerhof. Lady war nicht dick, sondern einfach nur riesig. Ein gutmütiges Tier, wie er schreibt. Ich mag das Wort: gutmütig. Gut und Mut und ein ü noch, was es ja nur in der deutschen und in ein paar anderen Sprachen wie der türkischen noch gibt. Atatürk. Flughafen. Istanbul. Terror. Das Gegenteil von gutmütig. Hoffentlich hat nicht der ganze Terrorscheiss den Fuchs dazu gebracht, in Zukunft weniger fliegen zu wollen. Nicht aus Angst vor den Unmenschen den Flughäfen fernbleiben, lieber aus Liebe zu seiner Gans und ihren Kindern.

 

Ein Granada mit 45 Kisten

hinti-15-2

England fliegt gegen Island raus. Damit sind wir wohl doch nicht die größten Tocka des Turniers. (Das heißt Dodln, für alle, die hier außerhalb Kärntens mitlesen. Es bleibt der Zwang, am Ende doch immer verstanden werden zu wollen. Nur was verstanden wird, wird gelesen. Nur was verstanden wird, wird gemocht. Nur was verstanden wird, kommt nach oben. Alles muss verstanden werden. Jeder Satz, jeder Pass, jedes Bier. Warum spielst du den 40 Meterpass, nicht den einfachen? Warum schreibst du Tocka, nicht Idioten? Idioten wäre sogar Englisch, also fast Englisch. Cheers! Jedes Bier, das ein Martin Hinteregger trinkt, hat ein Bier zu sein, das die Menschen, die die Zeitung von hinten nach vorne lesen, verstehen. Die Sportteilleser müssen jedes Seiterl, das ein Martin Hinteregger trinkt, verstehen, gutieren, zumindest nachvollziehen können. Das Bier, das verstanden wird, ist ein Bier, das auf Titelfeiern und Saisonabschlussfesten getrunken wird. Jedes von mir, von Martin Hinteregger getrunkene Bier, das außerhalb von Titelfeiern und Saisonabschlussfesten getrunken wird, ist ein für Unverständnis sorgendes. Jedes Bier, das ich in der Hand halte, muss Angst haben, schon bald vertäufelt zu werden, schon bald rot eingekreist und im Internet geteilt zu werden. Jedes Bier, das ich außerhalb von Titelfeiern und Saisonabschlussfesten trinke, ist mein Fanal des Karriereabstiegs. Für die da draußen. Während ich einen Zara (kein Gewandgeschäft, sondern Wiener Wort (von Marko gelernt) für Schluck) von meinem Bier (Zensur: alkoholfrei) nehme, muss ich ich wieder an Herrn Stefan denken, und daran, dass man mit einem Ford Granada, wie er schreibt, 45 Kisten Schnaitl Bier transportieren kann. Ich kanns nicht glauben, aber ich würds gern sehen. Die Kisten, das Auto und ihn, vor allem ihn.)

Dienstag beginnts bei Salzburg wieder. Trainingsbeginn. Und wo warst du? Ibiza. Du? Malediven. Du? Mallorca. Du? Adlerhof. Irgendwas sagt mir, ich sollte da hin. Einmal hab ich in einem Interview gesagt, ich hab einen Deal mit mir selbst. Nur mit mir selbst, denke ich jetzt. Wenn der 40 Meterpass ankommt, muss er nicht verstanden werden.

 

Die Nummer

hinti_17_web

#CR7, #DA27 und #MH4? Oder #MH5, #MH6, #MH36 oder #MH16? #MH tuts auch. Eigentlich tuts auch einfach nur #Hinti. Einfach nur Hinti. So wie alle ihre Hashtags haben, haben alle auch ihre Rückennummern. Alle andern. Mir sind schon so viele Nummern hinten entlang der Wirbelsäule aufs Dress gebügelt worden, von mir aus können sie mir auch die Zahl π (3.14159265358979323846264…) oder ein Sartre Zitat (“Freedom is what you do with what’s been done to you”) oder eine fliegende Kuhflade auf den Rücken drucken. Mir ist egal, was da hinten oben steht. Viel wichtiger ist, was vorne ist. Welche Stickerei, welches Wappen ab Juli über meinem linken Nippel prangen wird. Hoffenheim, Watford, Salzburg? In absteigender Reihenfolge. Warum kann nicht einfach der Klopp bei mir anrufen? Bah, langsam zipft mich das Thema auch an.

Tor, ruft der Polzer völlig ansatzlos ins Wohnzimmer und direkt in meinen Schädel rein. Seit ich wieder hier bin, schau ich oft auf den und in den und durch den Fernseher Richtung Frankreich, selten interessiert’s mich wirklich. Manchmal könnte ich genauso, anstatt auf der Couch sitzend in den Fernseher zu schauen, auch auf dem Fernseher sitzen und die Couch anstarren. Würde wohl nicht weniger vom Spiel mitbekommen als andersrum. Die Schwierigkeit ist, sich auf das Andere zu konzentrieren, wenn das Eigene noch im Unklaren liegt. Deutschland – Belgien oder Deutschland – Portugal, denk ich mit Extrawurscht im Gedankengang, wird wohl das Finale sein. Deutschland, Belgien, England, Spanien, Italien, Frankreich, Türkei, Österreich: Wo werd ich sein, wenn die Finalisten am 10. Juli in Paris auf den Rasen spucken und ihre Hymnen singen? Hoffentlich bei einer großen Nummer. Rückennummer egal.

 

Die Kasnudel-Prohibition

hinti_12_web

Meine Gedanken riechen nach Kasnudeln. Auf einen Monat der reinsten Kasnudel-Prohibition in Frankreich, folgt der immanente Wunsch nach eben dieser und keiner anderen Speise. Vielleicht mag ich sie deswegen so gern, die Kasnudeln, weil sie, anders als die Siegprämien, die Nationalteam-Einberufungen oder die Transfer-Angebote, nie an meine Leistung gebunden waren. Kasnudeln gabs immer. Ausser eben in Frankreich. Jetzt in den Zug zum Gasthaus Zauchner, zum Bärenwirt, wie wir sagen. Ja, zum Bärenwirt, nicke ich mir zu. Der Koch dort macht, wie viele sagen, die besten Kasnudeln. Wohingegen es im Adlerhof von keiner Speise die beste gab. Nicht das beste Schnitzel, das beste Gulasch und auch nicht die besten Knödel. Alles war gut, wie es im Kapitel „der Koch“ in „Unter den Stutzen“ beschrieben wird, nichts aber das beste.

Der Koch war, bevor er in den Adlerhof kam, Koch einer Fußball Profi-Mannschaft. Ich hätte eigentlich schon diese Frau, von der alle sagten, sie sei die beste Köchin, eingestellt, aber dann kam dieser Fußballverrückte, wie Herr Stefan im Buch erzählt. Er, der Koch, wusste weniger über die perfekte Panier, als über den genauen Spielverlauf von Jahrzehnte zurückliegenden ÖFB Cup Achtelfinalspielen. Bevor ich ihn traf, dachte ich, viel über den Fußball zu wissen, doch sobald er, der Koch, zu erzählen begann, wusste ich, dass ich, im Vergleich zu ihm, dem Koch, gar nichts wusste. Ich musste diesen Mann einfach einstellen. Verpflichten. Er war Teil des Teams, Team Adlerhof. Er, der Koch, hinten, ich, Herr Stefan, vorne. Er hat hinten Schnitzel geklopft, war fürs Grobe zuständig, ich hab vorne locker aus der Hüfte agiert. Immer wieder mit der ungarischen Interpretation des Ronaldinho-Grinsens die Gläser verteilt, wie ein Spielmacher die Bälle. Wenn es hinten klingelte, wusste ich, das nächste Essen war fertig. Und wenn ich vorne jemandem einen einschenkte, hatte das mit Weißen Spritzern, nichts aber mit Toren zu tun. Auch wenn es bei uns immer und eigentlich ununterbrochen um Fußball ging, wie es am Ende des Kapitel heißt.

Vielleicht sollte ich, anstatt zum Bärenwirten, zum Adlerhof fahren, denke ich jetzt. Ob dort noch jemand ist, ob der Adlerhof überhaupt noch ist? Vielleicht sollte man sich manche Dinge im Kopf behalten, als das, was sie in der Fiktion für einen sind. Es fällt ja ohnehin am leichtesten, die Dinge und Menschen zu mögen, die man nie kennengelernt hat. Südamerika, Noriaki Kasai, Pinguine, André Heller und die andern. Ich liebe sie alle, ich kenne niemanden. Aber vielleicht sollte ich trotzdem hin und hinein, wenn auch die Aussicht auf Kasnudeln die schlechteste ist.

 

hinti_4

Französischen Rasenteppich gegen Goggauer Heugras getauscht.
Airline gegen Regionalzug. Gegner gegen Gewehr.

 

Die Sandkörner

hinti_10-web_v2

Von der Sanduhr ausgesiebt, jedes Korn von oben nach unten, bis es aufprallt am Boden. Am Boden. Ich. Wir. Alle. Sind Sandkörner. Keine Körner. Alfred Körner – 1954, 3. Platz bei der WM. Martin Sandkorn, Aleksandar Sandkorn, Marko Sandkorn, Zlatko Sandkorn, etc. – 2016, Vorrundenaus bei der EM.

Von der Schwerkraft gezogen. In die Tiefe der tiefsten atlantischen Tiefen, französische Küste. Ein Pfiff. Das Aus. Das Spiel ist aus. Weiterlaufen: sinnlos. Weglaufen: schwierig, eigentlich aussichtslos, umringt von diesen Menschenmassen im Saint Denis. Mein Tinitus heißt Schlusspfiff. Ewiges Pfeifen im Ohr, im anderen auch. Schlimmer als jedes Ausgepfiffen werden: das Aus pfeifen. Der Schiri, die Sau, macht Schluss. Mit uns. Er macht, stellvertretend für die EM, Schluss mit uns. Die EM macht Schluss mit uns, wir nicht mit ihr. Sie mit uns. Wir nicht mit ihr. Wir wollten bleiben, bei ihr, sie nicht bei uns. Das Achtelfinale eine Fata Morgana. Max Prosa singt: „Ab und zu dann denk ich mir, wär was anderes passiert, stünden wir dann nur vielleicht noch immer hier. Mit den Angeln in der Hand, um uns Wüste, weites Land. Oh, wir wollten so gern große Fische fangen.“ Keine Fische, kein ungarischer Karpfen, nur ein Vogel in dem wir sitzen. Im Flieger kein Blick aus dem Fenster, raus aus der, rein in eine andere Welt. Unter den Stutzen, Seite 24:

“Ich bin nicht hoffnungslos, hoffnungsvoll bin ich aber auch nicht.”

Der Flieger hebt ab. Wenn man ganz unten ist, kanns nur nach oben gehen.

 

Kopfknall

hinti_9-web

Ein Schnitt von Ohr zu Ohr mit stumpfem Messer, so fühlt es sich an. Alles dumpf, in mir und um mich rum. 80.000. Doch ich sehe keinen einzigen von ihnen. Alles schwarz. Und hört sich an wie unter Wasser. Die Stimmen langsamer, schemenhafter, undeutlicher als sonst. „Hinti, Hinti, hey, hey, Hinti… ois okay …??” Keine Antwort. Ein Eckball, ein Kopfball, ein Kopfknall. Das wärs gewesen. Nie mehr genesen. Es sind die Kleinigkeiten, die die großen Unterschiede machen. Zwischen Tor und Tod. Ein Tor, der Island-Fanblock, ganz Island wäre erschüttert, kein Tor, zwei Köpfe, ein Knall, zwei Gehirne erschüttert. Alles schwarz. Egal. Scheißegal-Mentalität. Augen auf. Einfach auf. Stehen. Laufen. Einfach weiter. Wasser ins Gesicht. Weiter. Immer weiter. Ich lebe noch, wir leben noch, nur ein Tor noch. Ein Blick auf die Uhr. Es ist noch Zeit. Noch. – Loch.

 

Die Kasteiung

hinti_8-web

16:48, Gløcki:
He hinti olls guat bei dia olta?

16:52, Hinti:
Olls guat??? I  wullt heit scho zwa mol vua di ubahn hupfn

16:52, Gløcki:
???????????????????

16:53, Sepp:
?

16:53, Sepp:
Ergab match muagn hiatz, oda wos he?
Wegen

17:02, Gløcki:
Hinti wos is los??

17:03, Lippi:
Fuck he, wos woa leicht?

17:07, Beppo:
Ölfarbe wos los?
Olta was los?
Scheiss autokor

17:07, Gløcki:
Hinti, moch uns kan kumma. Wos woa? Heb ob olta!

18:02, Lippi:
Hinti????????????????????

19:36, Hinti:
Sry füa de nochricht…hob i net checkt das so oag kummt :/ olls guat.. mia gehts guat…
nua…in paris siagst olle 10 sekunden a madl wos di aushengt… schwoaze hoar, route lippm 😛

19:37, Beppo:
Dodl 🙂

19:38, Gløcki:
Depp

19:39, Hinti:
und jetz nu training ghob…drum hots solong dauert mim schreim

19:40, Lippi:
Hund du 😀 😀 😀

19:42, Hinti:
Sorry schlechts gwissen ah no. Eh unta da haubn

19:47, Gløcki:
Na basst…solaungs di net vua di ubahn haust, hau liaba muagn de islända an eini 🙂

19:50, Hinti:
Sia olta!!

 

Der Brief

hinti_7-web

Wäre ich nicht Fußballer, wäre ich Eishockey-Spieler, wäre ich nicht Eishockey-Spieler, wäre ich irgendwas auf der Gemeinde. Man spielt Fußball, man entfernt sich immer weiter vom Eishockey. Man spielt Fußball, man entfernt sich immer weiter vom Gemeindeamt, von allen Dorf-, Gemeinde- und Weltämtern. Ich bin Fußballer. Wie der Briefträger im Adlerhof Briefträger war.

In „Unter den Stutzen“ gibt es so ein Kapitel. Da geht es um einen Briefträger mit schweren Knochen. Ein gestandener Mann – tüchtig, fleißig, pflichtbewusst – Postler eben. Im Privaten pünktlicher als im Beruflichen, wie er beschrieben wird. Er bezog jeden Freitag zur gleichen Uhrzeit seinen Tisch links hinten im Gasthof. Das Ankommen war seine Berufung, beim Gehen herrschte die Willkür. Wenn er da war, sprach er meist über den Fußball, schimpfte über Schiedsrichter, vergebene Chancen oder steigende Benzinpreise. Er war ein Mann, der das Mannsein in all seinem Tun bestätigen wollte. So wäre es beispielsweise nie für ihn in Frage gekommen, ein Soda-Zitron zu bestellen, denn er bestellte gar nicht. Herr Stefan stellte ihm selbstverständlicherweise sein Achterl auf den Tisch. Er war ein Mann der festen Gewohnheiten. Das blaue Hemd, die braune, wie ein Christbaum behangene, Feuerwehr-Uniform, oder das gelbe Postler-Polo – so kannte man ihn, so sah man ihn. Er war in erster Linie der „der Brief“ in zweiter Linie der „der Mani“. Der Brief, wie er also von allen genannt wurde, hatte tatsächlich etwas mit den Briefen gemeinsam, die er täglich ausführte: Er war verschlossen. Doch manchmal, und da meistens wenn er betrunken war, wurde er ein anderer. Weicher, näher, zutraulicher. Oft sagte er, als man ihn nach Sperrstunde wieder einmal nur noch hinaus bekommen wollte: „Jeder Mensch braucht Liebe.“ Vielleicht hat sich Ronaldo dasselbe gedacht, als er den Portugal-Fan, der aufs Spielfeld gelaufen ist, vor den Ordnern beschützte, damit er mit ihm ein Foto machen konnte. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist Ronaldo ein lieber Mensch. Vielleicht ein Arschloch. Vielleicht nicht. Vielleicht ist es völlig wurscht, ob Ronaldo ein Arschloch ist. Vielleicht sollte ich nicht zum dritten Mal hintereinander etwas über Ronaldo schreiben. Vielleicht sollte ich mal wieder Eishockey spielen. Oder einen Brief schreiben.

 

Hose rutscht

hinti_6-webDen Tribünen hatte es die Sprache verschlagen, die Fahnen waren verschwunden, die Trommeln verstummt. Nach mehr als zwei Stunden der wieder und immer wiederkehrenden „immer wieder, immer wieder“ Chöre, nun: Stille. Das Parc des Prince Stadion von Paris fast menschenleer. Nur ein paar Übriggebliebene, die die letzten Pfandbecher noch sammelten und zu Türmen stapelten.
Neben, vor und hinter den anderen drehte ich meine Runden. Es wäre ein anderes Auslaufen gewesen, wenn dieses Dong nicht gewesen wäre. Wie eine hängengebliebene Schallplatte wiederholte sich derElfmeterderElfmeterderElfmeterderElfmeter in meinem Kopf.
Ronaldo legt sich den Ball auf den Punkt. Frisur sitzt. Hose rutscht! Ronaldo macht ein paar strenge Schritte rückwärts. Hose rutscht! Ronaldo steht breitbeinig wie der Eiffelturm da. Hose rutscht! Ronaldo pustet kräftig durch. Hose rutscht! (Just als der dreifache Weltfußballer mit dem weltweit stärksten Haargel zum Elfmeter antrat, musste ich daran denken, dass wir dieses „Hose rutscht!“ bis zur U9 immer gerufen hatten, wenn ein gegnerischer Spieler zum Elfmeter, damals waren es nur sieben Meter, antrat) Ronaldo läuft an. Hose rutscht! Almer bewegt sich nach rechts, Ronaldo schiesst links. Dong! Ronaldos Hose ist gerutscht. Und meine, die Hose des Elfmeterverursachers, gleich dazu. Schuld war das Herz. Es rutschte vom Brustkorb über den Bauchbereich, am Bauchnabel vorbei bis hinunter in die weiße Innenhose meiner schwarzen Hose. Und dort lag es dann, pulsierend. Und so ein Herz, das darf man nicht unterschätzen, wiegt schon gscheit viel. Als die Schwerkraft mehr und mehr ihre Wirkung zeigte und die Last schlicht zu groß wurde, konnte die Short das Gewicht des Organs nicht mehr tragen und wanderte nach unten, Gummizug hin oder her. Schlechte Metaphern hin oder her: Man kann auch ohne Junuzovic, Dragovic und Hose gegen Portugal einen Punkt holen.
Irgendwie haben wir uns, wie man sagt, durchgebrunzt. Zweimal Stange, einmal Abseits, hundertmal Almer. 0:0. “Mindestens etwas”, wie der Herr Stefan in “Unter den Stutzen” immer sagt. Nicht „immerhin“ oder „zumindest“, sondern „mindestens“. Mindestens etwas. Mindestens diesen einen Punkt, mindestens diese eine Chance auf den Aufstieg, mindestens noch ein Spiel, bei dem es hinterher beim Auslaufen wieder eine Traube Zylinderhut-Österreicher geben wird, die das Stadion aus seiner Andacht reissen werden, indem sie inbrünstig „Herbert Prohaska“ grölen, um es zumindest akustisch in die Nachberichterstattung des ORF zu schaffen. 

 

Dass man bei uns auf die Jagd geht, ist nichts Ungewöhnliches

hinti_5

Die Tage danach. Scheisstage.
Nummer 4.
Am Rücken und in der Tabelle.
Wir sind unten.
Rauf auf den Hochstand, bevor die Sonne aufgeht.
Nicht wie gegen Ungarn immer zu spät sein.
Früher aufstehen.
Aufwachen!
Die Heimat verletzt aber verbunden.
Bin nunmal sehr bodenständig und heimatverbunden.
Alles tun, um ihr länger noch fernzubleiben.
In der Ferne bleiben.
Hierbleiben.
Paris.
Nicht Sirnitz.
Paris.
Ein Ronaldo ist lange nicht so wendig
und leichtfüssig wie ein Reh.
Aufholjagd!

 

Zweite Halbzeit ist immer anders wie die erste Halbzeit

hinti_19_web

1. NEIN,       46. NEIN,
2. NEIN,       47. NEIN,
3. NEIN,       48. NEIN,
4. NEIN,       49. NEIN,
5. NEIN,       50. NEIN,
6. NEIN,       51. NEIN,
7. NEIN,       52. NEIN,
8. NEIN,       53. NEIN,
9. NEIN,       54. NEIN,
10. NEIN,     55. NEIN,
11. NEIN,     56. NEIN,
12. NEIN,     57. NEIN,
13. NEIN,     58. NEIN,
14. NEIN,     59. NEIN,
15. NEIN,     60. NEIN,
16. NEIN,     61. NEIN,
17. NEIN,     62. NEIN,
18. NEIN,     63. NEIN,
19. NEIN,     64. NEIN,
20. NEIN,     65. NEIN,
21. NEIN,     66. JAA!!,
22. NEIN,     66. NEIN,
23. NEIN,     67. NEIN,
24. NEIN,     68. NEIN,
25. NEIN,     69. NEIN,
26. NEIN,     70. NEIN,
27. NEIN,     71. NEIN,
28. NEIN,     72. NEIN,
29. NEIN,     73. NEIN,
30. NEIN,     74. NEIN,
31. NEIN,     75. NEIN,
32. NEIN,     76. NEIN,
33. NEIN,     77. NEIN,
34. NEIN,     78. NEIN,
35. NEIN,     79. NEIN,
36. NEIN,     80. NEIN,
37. NEIN,     81. NEIN,
38. NEIN,     82. NEIN,
39. NEIN,     83. NEIN,
40. NEIN,     84. NEIN,
41. NEIN,     85. NEIN,
42. NEIN,     86. NEIN,
43. NEIN,     87. NEIN,
44. NEIN,     88. NEIN,
45. NEIN,     89. NEIN,
90. NEIN.